Unsere Schienen

Wir fahren wieder.

Mit platten Nasen an beschlagenen Fensterscheiben, betrachten wie das Spektakel des Vorbeiziehenden. Die Augen zu einem schmalen Schlitz gepresst, damit sich auch ja kein vorbei rauschender Gegenstand, Natur und Mensch klar zu erkennen geben kann.
Nur Farben als Requisite vor einem sich ewig wiederholenden Horizont.
Ein nicht enden wollender Sonnenuntergang der mit aller Macht die wir aufbringen können eingeholt werden soll. Da tanzt sie. Die Sonne. Kokett und mit dem Ringfinger herbeiwinkend. Und wie fahren, fahren fahren.
Überall hin wo sie uns haben möchte. Den freien Willen eingezäunt in dem kleinen Wunsch,

ihr ein Stück näher zu kommen. Vielleicht sogar ihr ein Schnippchen zu schlagen und zu überholen. Mit der gleichen Bestimmtheit, wie sie sich wiederholt. Die Waggons rattern auf vergessenen Schienen. Über ihnen die Rauchschwaden der mit sich kämpfenden Lokomotive. Schwarz wie die Zeit aus der sie stammt. Mit roten Verzierungen versehen, aus der ihr der Schweiß entrinnt und zwischen den immer währenden Rädern in alle Richtungen gespritzt wird.

Sie keucht und stöhnt.
Schreit auf unter der Last der vielen Abteile und der peitschenden Kohle, die sie schon zum bersten Satt schlucken muss. In der Hoffnung irgendwann an einem Ende zur Ruhe zu kommen.
Wir sind die einzigen Passagiere.
Die einzigen Pioniere des erhofften Glück`s am Schluss der Gleise. Wir sitzen eng umschlungenen auf einem Einzelsitz. Berauscht. Befriedigt. Die Nasen platt. Nackt im Angesicht der Intimität des alleinigen Reisens. Niemand sieht uns. Niemand stört. Da ist kein Platz für Scham. Wir sind den gierigen Augen bei unserem letzten Stop entkommen und haben unsere Kleider beim anfahren und lebe Wohl winken, mit der Kohle in der ächzenden Dampflock verbrannt.
Wir berühren unseren entblößten Schmerz und lieben eine jede Wunde, so tief und dunkel, auf eigene Weise. Wir schauen hinein. Bergen verschollene Artefakte und geben acht nicht selber verschollen zu gehen. Wir lachen und weinen im bebenden Rhythmus der Maschine unter uns. Und auch wir fangen an zu beben.
Erst der kleine Zeh.
Dann die Hände.
Nach halt suchend an unserem bebenden Torso.
Verkrampft auf unseren bebenden Beinen.
Und wir schauen mit schmalen Schlitzen auf das Spektakel des Vorbeiziehenden.
Ruhig. Gelassen. Denn die Monotonie da draussen hat keine Bedeutung für das hinter dem Sonnenuntergang. Wir kennen jetzt nichts anderes mehr. Und jetzt kannten wir auch nie etwas anderes.
Jetzt sind wir hier...
Und hier bleiben wir bis der Zug aufs neue entgleist und wir die Nacht überleben müssen.
Mit dem wilden Getier. Dem flüstern der Schatten. Der Suche nach Holz. Nahrung. Und selbst wenn wir dann unsere Augen von ihren Schlitzen erlösen sollten, werden wir doch nichts sehen können.