Kieseljacks Beerdigung

Da kommen sie. Die Gäste. Jeder mit einer eigenen Empfindung und einer eigenen Geschichte, deren runde Wahrheit nun in der Urne vor ihnen schlummert. Ein älterer Herr fällt zu Boden und trägt ein Gedicht mit anschwellender Stimme vor, welches er wohl in allgemeiner Umnachtung im Wahn auf zerknüllte Taschentücher und Servietten geschrieben hat. „Der schwarze Freitag. Der schwarze Freitag“.

Die Worte ergeben keinen Sinn und doch versteht sie jeder. Selbst ich. Wenn man die Augen zusammenkneift, meine ich das satte Grün der Pflanzen stammt von überzüchtetem Haschgewächs. Ich mag diese Vorstellung und verweile für einen Moment bei ihr, um nicht in die Gesichter der ausweichenden Blicke der mich umgebenen zu achten. Da ist ein Mann komplett in Leder gekleidet.

Wäre da nicht sein provozierender Cowboyhut käme man wohl auf die Gestapo.

Er sagt, dass dies keine Trauerfeier sein soll. Mir ist es recht. Er erzählt von einem Mann, der nur mit einem Hemd bekleidet in „Schwarz-Afrika“ ein Blues Lied auf Deutsch improvisiert hat. Er spricht von einem Menschen mit vielen Namen und die knapp Hundert Leute die ihn und an ihm vorbei schauen kennen keinen davon. Doch weiß jeder wer gemeint ist. Eine Frau, die nicht wusste ob sie zu einer Beerdigung oder der Fashionweek kommen sollte, singt ein Lied auf einer Mandoline, die nur noch zwei Saiten hat. Ihre Stimme ist heiser. Falsch. Und jetzt wo das Lied geendet hat, macht sich allgemeine Erleichterung um mich breit.

Die Boxen, die keinen Bass vertragen wollen, geben vernebelte Sicht auf sein Lieblingslied und für einen Bruchteil einer Sekunde fällt Novembersonne durch das halbgeputzte Fenster zu uns hinein. Ich höre, dass ein paar Leute im Takt und eine größere Menge ausserhalb diesem, zu dem Lied klatschen. Es wird gekichert. Ich höre schniefende Nasen.

Die Art, die man auf verstopften Toiletten im blauen Neonlicht und rhytmischen Vibrieren der Porzellanwände hört. Ich sehe eine Witwe mit dunkelgrünen, schimmernden Federn bekleidet, die selig lächelnd an einer Champagnerflasche nuckelt, bevor ihr wieder die Tränen durch die Augen strömen.

Die Weihrauchbombe nimmt uns kurz aus unseren Körpern raus und setzt uns willkürlich wieder zusammen. Ich sehe Freunde, die es nie waren und es für immer sein werden. Ich bemerke, dass heute wohl sein Geburtstag gewesen wäre. Noch vor einem Jahr hat er mir erzählt, dass ihn die Hölle nicht will und er uns alle überleben wird. Ich habe gelacht und fest an seine Worte und Überzeugung geglaubt.

Und das tu ich noch jetzt, wo das einzige was ich von ihm sehen kann eine schwarz weiß Erinnerung ist, die goldgerahmt vor uns steht.

Und das glaube ich auch jetzt, wo die Blaskapelle wie die vier Reiter der Apokalypse aus dem Nichts erscheint und jeder von ihnen gleichzeitig anfängt ein anderes Lied zum besten zu geben. Jeder so schräg wie er kann. Die Blumen häufen sich. Das Loch schließt sich. Zugeworfen mit Rosen, Sand, Billig-Wodka, Zigarettenstummeln, einer DVD, dessen Titel ich nicht entziffern kann, einem Haufen lauter Segnungen und ein paar stillen Verfluchungen.

Ich überlege meine halbe Packung Lucky Strike zu ihm nach unten zu werfen, denke dann jedoch dass es unkomisch sei, frisch gepressten Tabak zu einem Haufen Asche zu legen. Ich glaube den Gedanken hätte er gemocht. Ich werde dich vermissen Kieseljack.


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