Anna

 

Scheiß Bar.

Ich sitze mit zusammen gekniffenen Schenkeln auf einen dieser Sofahocker und betrachte die Pfütze, die der Eisbehälter vor mir erbrochen hat. „Einen Wodka bitte. Mit Sprudelwasser und viel, viel Zitrone.“ „Reicht das?“, fragt sie und schaut mir für den ersten Moment fest in die Augen. Ich bilde mir ein, für dieses kurze Verlangen mit ihr ins Gespräch zu kommen, dass da etwas ist, was ich nicht zuordnen kann und mich dringend interessieren dürfte. „Wenn du ganz lieb wärst, könntest du mir eine halbe noch reinpressen?“ „Also wirklich viel Zitrone...“ Eine ungläubige und trotzdem gefasste Feststellung. Sie stellt mir den Drink hin und beschäftigt sich dann wieder mit den Dingen, die wirklich wichtig sind.

Ich nippe kurz von dem Strohhalm, der aus irgendeinem Grund nach getrockneten Lavendel schmeckt und schaue mich bewusst unauffällig nach den anderen Gästen um.

Ich sehe einen Haufen Augen und Nasen. Dazwischen ein paar Münder, die sich krampfartig öffnen und schließen. Von der Musik abgesehen gefällt mir die Geräuschkulisse. Alles gemachte Leute, die sich im Zölibat ihres gepflegten Lebens diesen einen Abend genommen haben, um das Gut zu machen was sie an ihren damaligen Idealen und Wünschen abgetrieben haben.

Da sitzt ein älterer Herr (der einzige, der mir von ihnen auffällt) und prostet mir mit seinem halb verschimmelten Hefe zu. Ich erwieder die Geste und blicke ihm gezwungen auf seine Stirn.

Er nimmt einen Schluck, ich den meinen und ich schaue wieder versunken in die endlose Dunkelheit einer, sich bald schließenden Bar.

Früher einmal hat sich der Film an der Welt orientiert. Heute ist es genau andersrum. Heute orientiert sich ein jeder Mensch mit einem jedem Gefühl am Film.

Ich frage mich, ob das was gutes oder was schlechtes ist, komme aber nicht über die Frage hinaus.

Sie wiederholt sich einfach nur immer und immer wieder in meinem Kopf. Vielleicht sollte ich das Zitronenmädchen danach fragen.

Wieder prostet er mir zu. Anscheinend möchte er mir etwas mitteilen von dem er selber nicht genau weiß, was es genau ist. Hauptsache Kontakt. Seine Klamotten sehen aus, als ob er in seinen Dreißigern sich selbst gefunden hätte und seitdem eisern versucht sich so zu fühlen wie damals.

Hip nennt man das. Altmodisch Hip. Er hat sicher ein eisernes und undiskutierbares Verständnis für Musik. Seine grauen Haare sind zu einem Pferdedutt nach hinten gespannt und ein paar Stähnen fallen ihm in sein alkoholisiertes Gesicht. Gar nicht schlecht für sein Alter.

Ich biete ihm mit einer übertriebenen Geste den Barhocker neben mir an. Wenn wir schon alleine trinken, dann wenigstens zusammen.

Erst tut er so als ob er meine Aufforderung nicht bemerkt hätte, dann fummelt er unschlüssig seine Sachen zusammen und blickt, während er sich auf dem Weg zu mir macht, unschlüssig überall hin, nur nicht zu mir.

„Bernard heißt ich“ Zumindest glaube ich, dass er das sagt. Seine Augen sind braun-schwarz wie das Hefe vor ihm. Seine Stimme ist verschleiert. Sein Akzent Deutsch. Er weiß nicht genau wie er den Versuch eines Gesprächs weiterführen soll und nimmt lieber noch einen Schluck, um für das gewappnet zu sein, was ich ihm da wohl als Namen in sein Gesicht schmieren könnte. Symphatisch.

Er muss viermal nachfragen bevor er mich richtig versteht und scheint erleichtert beim Klang meiner Stimme. Wir kommen ins Gespräch. Hauptsächlich höre ich ihm zu, wie er versucht von dem oberflächlichen Haaresträuben auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.

„Ich habe mich, um ehrlich zu sein, noch nicht für Flüchtlinge engagiert.“

Er schaut mich ängstlich an. Nein. Nicht ängstlich. Skeptisch. Ich habe das Gefühl, er hat diese Aussage schon mit vielen jungen Menschen getroffen und mehr als einmal dafür eine Antwort kassiert, die niemals eine hätte sein sollen.

Erleichtert, da ich ihm nur ein geflüchtetes Verständnis, mit einem Lächeln zubrumme, nimmt er einen weiteren Schluck und erzählt mir, dass er es zwar nicht gut findet was der IS da mache, er es aber in Anbetracht der Menschheit und der politischen Verhältnisse verstehen könne, dass so etwas existiere.

„Ich habe im Fernsehen gesehen, dass es am Potsdamer Platz Leute gibt, die sich für 486 euro einen Cocktail bestellen. Das ist der Grund dafür.“

Ich kann seinen Punkt nachvollziehen. Auch mir kommt ein komisches Gefühl bei dieser Zahl auf. Er wiederholt sie noch ein paar weitere Male, während das Zitronenmädchen uns darauf aufmerksam machen möchte, dass wir nun bald gehen sollen. Ich lächel ihr zu. Sie verschwindet wieder. „Unter uns gesagt, mag ich diese Göre überhaupt nicht.“ Ich frag mich erst wen er meint, bis die Offensichtlichkeit auf mich einprescht und ich nur noch murmeln kann, dass es schlimmere Barkeeper gibt.

Er blickt septisch, doch im nächsten Moment scheint er wieder vergessen zu haben, worum es ihm eigentlich geht. Wir schweigen ein paar Sekunden, Monate, Stunden. Er fragt mich noch einmal wie ich heiße. Diesmal gebe ich ihm meinen vollen Namen und er gibt mir seine Hand. Ich blicke in tränenverzierte Augen. Ich höre ihn von Der Lüge der Familie sprechen. Von Aufrichtigkeit. Vom Ego. Von Dirigenten und Triangeln. Ich höre mich von den gleichen Dingen sprechen, dann ist er weg.

Noch einmal nippe ich von dem sauren Getränk vor mir und noch einmal werde ich dazu aufgefordert bald zu gehen. Vielleicht sollte ich das Zitronenmädchen danach fragen wann ich mich mit ihr unterhalten darf. Ihr Name sei wohl Anna. Auf dem Weg raus drückt mir eine betrunkene Anwältin in ihrem Wahn einen Strauß Blumen in die Hand. Ich nicke ihr zu und verstecke meine Nase im Ausschnitt der Knospen. Aus irgendeinem Grund duftet er nach getrocknetem Lavendel.  

 

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